Experiment: Pro-und-Contra-Diskussion
Für dieses Experiment werden mindestens zwei Personen gebraucht. Man könnte so eine Übung mit wechselnden Partnern im Betriebsratskreis durchführen, aber auch zuhause, vielleicht mit dem Ehepartner (es hat übrigens auch eine für die Partnerschaft therapeutische Wirkung). Gut wäre es aber auch, eine dritte Person dabei zu haben, die nur beobachtet und sich dazu Notizen macht.
Die beiden Teilnehmer an diesem Experiment setzen sich nun zusammen, um über ein beliebiges Thema von unterschiedlichen Standpunkten aus zu diskutieren. Dafür muss man sich zunächst auf ein Thema einigen. Dieses sollte unterschiedliche Meinungen zulassen, aber nicht zu kompliziert sein. Möglich wären z.B.:
- Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn auf 130 km/h – ja oder nein?
- Studiengebühren für den Hochschulbesuch – ja oder nein?
- Einführung einer Wahlpflicht – ja oder nein?
Es sollte jedenfalls ein Thema sein, zu dem fast jedem auf Anhieb ein paar Argumente dafür und dagegen einfallen. Ein "echtes" Thema (zu dem es dann vielleicht zu einem echten Streit kommen könnte), sollte man hingegen nicht nehmen. Das auch deshalb, weil das Experiment natürlich nur funktioniert, wenn beide Teilnehmer gegensätzliche Standpunkte einnehmen. Einer mss also für das Thema sprechen, der andere dagegen. Dabei kann es dann natürlich nicht darauf ankommen, ob man nun tatsächlich eine Pro- oder eine Contra-Meinung hat. Man kannund muss also für die Dauer des Gesprächs einfach so tun als ob.
Dann diskutieren die beiden Gesprächspartner miteinander. Jeder von seinem (Pro- oder Contra-) Standpunkt aus. Aber man diskutiert nicht einfach so drauflos, sondern muss dabei eine Regel beachten. Diese Regel lautet:
Bevor man antwortet, muss man das, was der Gesprächspartner gerade gesagt hat, in eigenen Worten kurz aber vollständig wiederholen und sich bestätigen lassen, dass man das korrekt geschafft hat!
So könnte ein solches Gespräch etwa zum Thema "Geschwindigkeitsbegrenzung" zwischen den Personen A und B dann beginnen:
- A eröffnet das Gespräch: "Tja – wenn ich so über das Thema nachdenke, dann meine ich, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn eine so erhebliche Energieeinsparung bedeuten würde, dass sich das allein schon deshalb lohnt."
- B wiederholt: "Du bist also der Meinung, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung deshalb sinnvoll wäre, weil dadurch viel Energie gespart werden könnte – richtig?"
- A antwortet: "Ja, das meine ich." (Hier könnte die Wiederholung auch verbessert oder ergänzt werden, wenn B beim Wiederholen etwas vergessen oder falsch wiedergegeben hat.)
- B sagt jetzt (nach der Bestätigung!) seine Meinung: "Leider beruht deine Behauptung aber auf einer falschen Annahme. Du gehst nämlich davon aus, dass ein Auto um so weniger Benzin verbraucht, je langsamer es fährt. Da sind aber noch andere Faktoren zu berücksichtigen …"
Und so geht es dann immer weiter: Redebeitrag – Wiederholung – Redebeitrag – Wiederholung – usw.
Dieses Gespräch wird dann für etwa acht bis zehn Minuten geführt. Wichtig: Es kommt dabei nicht so sehr auf die Qualität der Argumente an, sondern auf ihre zuverlässige und vollständige Wiederholung! Und dabei wird man dann feststellen, dass einem z.B. Folgendes passiert:
- Man kann nicht vollständig wiederholen, was der andere gesagt hat.
- Bei der Wiederholung gibt man dem, was man gehört hat, eine ganz andere Bedeutung (man dreht dem Gesprächspartner das ›Wort im Munde herum‹).
- Man greift ein Wort heraus und reitet bei seiner Wiederholung darauf herum (statt vollständig und sinngemäß zu wiederholen).
Und daraus kann man - wie gezeigt - für sich dann eine ganze Menge lernen!